Hof Seegel

Der Hof Seegel in Hessen ist ein Bauernhof, wie wir ihn aus Kinderbüchern kennen und in unser Phantasie genießen. Er liegt am oberen Dorfrand und ist doch ein fester Teil des Dorfes. Klein und angemessen fügt der Hof sich wunderbar in die Landschaft ein und ist baulich kein Fremdkörper im Dorfleben. Diese Bescheidenheit strahlt eine große Ruhe aus und zeigt in allen Details eine gewachsene Erfahrung. 
Es ist ein kleiner Bauernhof, der mit alter Technik Wissen bewahrt und neue, zukunftssichere Wege sucht. Auf 11ha Land, davon 8 Grünland und 3 Ackerland gibt es alles, was man von einem echten Bauernhof erwartet. Landwertschaft zeigt sich eben auch in der Vielfalt der Produkte und Tätigkeiten. Zentral ist die vielfältige Tierhaltung. Derzeit leben Pferde, Rinder und Schweine, bald auch wieder Hühner und momentan noch Kaninchen auf dem Hof. Ackerbau und Gemüsebau sorgen für die Ernte. Ein Waldgarten und ein Agroforstsystem sind in Planung.
Landwertschaft bedeutet, mit dem Boden Mehrwerte zu schaffen. Also nicht nur Essen. Was ist ihr Lieblingsprodukt, dass bei ihrer Arbeit zusätzlich entsteht?

Ich genieße die Muskelkraft sehr, die dabei entsteht. Ein starker, gesunder Körper ist ein wunderbares Geschenk.
Noch wichtiger ist mir aber die Verbundenheit zu Tieren und Natur. Wir haben uns mit unserer Lebensweise so weit von ihr entfernt, dass wir vergessen haben, wo wir hingehören. Ich lerne das jeden Tag ein Stückchen mehr.
Viele Menschen sagen mir, wie schön sie es finden, dass es sowas noch gibt. Für einige wenige ist es eine wunderbare Erinnerung an die eigene Vergangenheit. Für die meisten ist es einfach nur faszinierend, dass es das überhaupt gibt und tatsächlich eine Bereicherung ihrer Welt.


(Tabea Seegel, Pferdebäuerin und Landwertin)

Tabea Seegel berichtet über ihren Bauernhof:

Als Hauptfeldfrüchte haben wir momentan (nicht alle jedes Jahr) Weizen, Hafer, Gerste, Roggen, Kartoffeln, Ackerbohnen, Futterrüben (der Anbau ist allerdings erstmal ausgesetzt, weil sie zu viel Arbeit machen und in schwierigen Jahren zu wenig Ertrag bringen, dieses Jahr 100% Ausfall), Kleegras (zur Stickstoffsammlung in der biologischen Fruchtfolge). Gelegentlich gibt es einen Blühstreifen, Gründungungsjahre, verschiedene Zwischenfrüchte und Zwischenfruchtmischungen, Experimente mit neuen (alten) Feldfrüchten, wie z.B. Linsen (2020) und Waldstaudenroggen (hoffentlich 2021).

Dazu kommt eine kleine Parzelle mit Gemüse für den Eigenbedarf: Weißkohl, Rotkohl, Grünkohl, Rosenkohl, Wirsing, Kohlrabi, Steckrüben, Mais, Bohnen, Möhren, Zwiebeln, Sellerie, Rote Bete, Zucchini, Auberginen, Kürbis, Melonen, Topinambur.

Im Hausgarten wächst ebenso Gemüse und dazu noch verschiedene Salate, Schwarzwurzeln, Kräuter, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Jostabeeren, Brombeeren.
Auf dem Hof als Containerkulturen (in Töpfen bzw. Fässern) haben wir noch Tomaten, Paprika und Aubergine.
Es gibt natürlich auch noch Obstbäume, Äpfel, Birnen, Pflaumen (auch tolle wilde), Zwetschgen und Walnüsse.

Wir halten Pferde, Kühe, Schweine, Kaninchen (laufen aus, weil ich sie momentan nicht artgerecht halten kann), Hofkatzen, Hühner noch nicht oder nicht mehr (der Fuchs hat alle 40 getötet und nun warten Hühnerstall-, pferch und -weide auf Renovierung, bevor es neue Rassehühner gibt).

Aktuell verkaufen wir nur Kartoffeln, gelegentlich aber auch ein wenig Getreide/Linsen als Hühner- und Taubenfutter. Möglicherweise kommen im Winter noch Speiselinsen dazu, wenn ich mich um die Reinigung kümmern kann.
Warum arbeiten Sie mit Zugtieren?
Ich bin so aufgewachsen und damit verwöhnt. Ich muss mein Land nicht platt fahren, keinen Traktorgestank ertragen, erledige die meisten Arbeiten mit beiden Füßen auf der Erde, wo der Mensch hingehört. Ich arbeite gern mit lebendigen Wesen statt toten Maschinen. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen.

Welche Pferderassen haben Sie?
Wir nehmen alles, was kommt. Momentan sind es zwei Süddeutsche Kaltblüter und ein Polnisches. Die Polenpferdchen beeindrucken mich sehr mit ihrer Leistungsfähig- und -willigkeit. Wir hatten aber auch schon Rheinisch-Deutsche Kaltblüter, Brabanter, Bretonen, Schwarzwälder, ein Percheron. Mein Vater fing an mit Haflingern. Als Kutschpferde hatten wir viele Jahre lang Traber. Von seinen Amish-Freunden ließ sich mein Vater regelmäßig Container mit Geschirren und Arbeitsgeräten zusammenstellen. Darunter auch ein „Dachwägeli“ (Buggy), die überdachte Kutsche der Amish People. Sonntags ging es dann oft „overland“, wir fuhren spazieren. Wenn wir gebacken hatten, brachten wir Freunden und Bekannten damit Brot vorbei.
Ein zufriedenes Leben ist ein ursprüngliches Leben, ein ursprüngliches Leben ist ein einfaches, arbeitsames Leben in und mit der Natur.
(Tabea Seegel, Pferdebäuerin und Landwertin)
Was war das schönste Erlebnis während der Arbeit auf Ihrem Hof?
Gerne schlendere ich nach getaner Arbeit durch Wald und Feld. Am Liebsten bin ich in der Abenddämmerung unterwegs, wenn die Menschen sich in ihre Häuser zurückziehen und die Welt still wird. Einmal kam ein Waldkauz vorbei und flog mir minutenlang um den Kopf, mit atemberaubender Akrobatik, wie eine riesige Fledermaus und völlig lautlos!

Wie werden die Tiere gehalten?
Unsere Ställe sind noch die alten, engen „Oberhessischen Katakomben“. Vom Frühjahr bis zum späten Herbst sind aber Kühe und Pferde (so sie nicht zur Arbeit gebraucht werden) durchgehend draußen auf der Weide. Die Schweine können sich dann im ganzen Kuhstall breit machen und bekommen ab und zu Auslauf nach draußen.
Ich plane in den nächsten Jahren einen Umbau (wenn die Scheune entrümpelt ist), sodass ich alle Tiere entweder gemeinsam oder mit unterteilten Bereichen bzw. Rückzugsorten in einem großen Laufstall halten kann.

Welchen Mehrwert produzieren Sie für die Gesellschaft?
Meine Methoden mögen altmodisch anmuten, aber ich zeige, wie man auch heute ein sinnvolles, zufriedenstellendes Leben führen kann, das zum größten Teil auf erneuerbare Ressourcen (z.B. menschliche und tierische Arbeitskraft statt Kraftstoff) zurückgreift und mit sehr wenig Input von außen auskommt — ein hochaktuelles Thema.
Das Wissen um eine solche Lebensweise, die Kenntnisse der nötigen mechanischen Maschinen und Arbeitsabläufe bewahre ich als Menschheitswissen, auf dass die Gesellschaft nötigenfalls zurückgreifen kann.

Welche Geschichte erzählen Sie jedem Besucher?
Ich bin kein Geschichtenerzähler, aber die Leute fragen oft, ob mir die Arbeit nicht zu schwer wäre. Da kann ich nur sagen, Bewegung und Arbeit sind gesund und halten fit, schneller krank und kaputt wird man am Schreibtisch oder auf dem Sofa.
Welche Rolle spielt Schönheit und Ästhetik?
Wer in der Natur arbeitet, der kommt an ihrer Schönheit nicht vorbei! Natur ist der Ursprung und Inbegriff von Schönheit. Alles, was wir Menschen schaffen ist nur ein blasser Schatten der Natur. Allein die Vielfalt und filigrane Schönheit einer Hand voll wilder Samen ist unbeschreiblich. Die Kraft eines Baumes, das Rauschen der Blätter im Wind, das junge Grün des Frühlings und die wilden Farben des Herbstes. Wer auf der Welt hat mehr zu bieten, als die Natur? Wenn ich mit den nackten Füßen auf der Erde stehe, im Morgentau über die Wiese gehe, oder über die feuchte Ackerkrume laufe, dann fühle ich mich wieder wie ein Mensch, dann erkenne ich die tiefe Bedeutung des Ausdrucks „geerdet“.

Was ist der schönste Platz auf dem Hof? Die schönste Arbeit? Der schönste Moment am Tag?
Der schönste Platz irgendwo auf der Welt ist immer unter Bäumen, umgeben von einer möglichst großen Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Ein Picknick im Baumschatten auf der Weide ist auf jeden Fall ein schöner Ort. Der Weg hoch zu den Hühnerhäuschen ist romantisch, von Zweigen überdacht, voll satten Grüns im Sommer, einfach nur ein Trampelpfad ohne viele menschliche Spuren, herrlich.
Es gibt keine schönste Arbeit, alle Arbeit hat ihre Zeit und ist dann einfach. Mit der Erde selbst zu arbeiten ist sicherlich etwas Besonderes. Das Pflügen, die Saatbettbereitung und das Säen ist ein Privileg. Manchmal ein schweres, wie in den letzten trockenen Jahren. Aber Mutter Erde selbst zu beackern — im wahrsten Sinne des Wortes — ist wirklich und tatsächlich ein echtes Privileg.
Der schönste Moment am Tag ist die Abenddämmerung. Die Welt wird wirklich stiller, die Menschen sind von der Arbeit zu Hause und sitzen in ihren Häusern. Es ist, als ob die Natur erwacht und aufatmet (auch wenn sicher viele Tiere schlafen gehen und der Menschenlärm nie ganz endet). Wehe dem, der diese Ruhe mit Taschenlampe oder Motorenlärm stört. Er wird ihren Zauber nie entdecken.

Betreiben Sie Naturschutz? Haben Sie seltene Arten auf Ihrem Hof? Beobachten Sie die Wildtiere, die bei Ihnen leben?
Bei uns gibt es keinen Rasen! Alle Flecken, die nicht täglich genutzt werden, verwildern. Es gibt Unmengen von Brennnesseln! Aber die Insekten, die sich von ihnen ernähren, fehlen. Wir haben schon seit Jahren keinen Igel mehr gehabt, obwohl es immer Haufen von Ästen gibt. Ich säe wo ich kann Wildpflanzen aus. Kräuter, Sträucher und Bäume wuchern überall. Bei uns ist reichlich Raum für die Natur, aber es ist, als würde sie sich zurückziehen von den Menschen. Seltene Schmetterlinge und Vögel sind nun auch bei uns tatsächlich selten. Das war in meiner Kindheit noch anders.

Seit etlichen Jahren schon halten wir das schöne Schwäbisch-Häll’sche Landschwein. Unsere Rinder sind rückgezüchtete Fleckviehschläge, die man schon fast wieder als Dreinutzungsrasse bezeichnen kann. Durch die zurückgegangene Milchnutzung allerdings — und die Bullenverfügbarkeit — werden sie wieder sehr fleischlastig. Ob sie noch zur Anspannung taugen, werden die nächsten Jahre zeigen.
Unser Hof wird im Sommer von Rauchschwalben bevölkert! Wir haben regelmäßig an die 20 Nester, darin werden in der Regel zwei Bruten von 4-6 Jungen aufgezogen. Es ist ein prachtvolles Schauspiel, wenn sich die 200 Schwalben im Spätsommer sammeln, auf den Nachbardächern sitzen, wieder auffliegen, ihren Kunstflug vollführen, sich wieder setzen, nur um im nächsten Moment wieder mit den anderen aufzufliegen! Und dann, eines Tages — sind sie weg. Die Welt hat sich verändert. Der Herbst ist da.

Haben Ihre Tiere einen Namen?
Unsere Pferde, Kühe und Schweine haben Namen. Die Katzen hatten auch immer welche, aber dann gab es keine Kinder mehr, die mit ihnen spielten und die Namen sind verschwunden. Nun sind wieder Kinder da, aber es fehlt der Katzennachwuchs, der die Kinder für sich einnimmt und zwangsläufig zu Namen führt. Gelegentlich bekommt ein Huhn oder Kaninchen, das besonders hervorsticht einen Namen, aber in der Regel haben diese Tiere keine.

Wie ist Ihr Hof im Dorf integriert?
Man ist sehr an diese Spinner da oben gewöhnt, die sich unnötig quälen. Die sind halt so und man kann sie nicht davon abhalten. Man hat ein wenig Respekt vor der Leistung und dem Wissen, aber es reicht (noch) nicht zur Nachahmung. Unsere Produkte werden geschätzt, zumindest unter denen, die welche bekommen (können). Aber noch ist die Landwirtschaft und Selbstversorgung für die Menschen zu viel schlechte Kindheitserinnerung (man musste immer hart arbeiten). Hier auf dem Land, wo das alles noch so kurz zurückliegt, freuen sich die Menschen darüber, dass man alles bequem im Supermarkt bekommt und nur für Geld arbeiten muss Eine Arbeit allerdings, die die Wenigsten gern machen, ironischerweise! Man weiß Selbstversorgung nicht mehr und noch nicht wirklich zu schätzen.
Gibt es eine Philosophie? Einen besonderen Antrieb?
Ich möchte ein sinnvolles Leben im Hier und Jetzt führen. Das bedeutet für mich, dass ich der Natur möglichst nahe bin und ihr möglichst wenig schade. Dazu gehört viel körperliche Arbeit, der Verzicht auf unnötige Technologie (Maschinen), die teilweise Selbstversorgung. Und nicht zu vergessen, Leid und Tod. Auch das gehört dazu, das verdrängen viele Menschen. Die Natur ist nicht gnädig oder gar romantisch. Sie ist im Großen und Ganzen erbarmungslos. Deshalb pflege ich auch einen gewissen Pragmatismus.

Was sagen Ihre Kinder dazu?
„Mama, wann kannst du mal wieder mit mir spielen?“ — Am Sonntag.
Aber öfter kommt eigentlich die Frage: „Darf ich raus?“ Die Kinder kennen es nicht anders und wissen nicht zu schätzen, was sie haben. Wie die Menschen so sind… Sie meckern, wenn sie helfen sollen. Aber es macht Hoffnung, zu sehen, wie viel sie schon wissen und wie selbstverständlich dieses Wissen ist. Eines Tages, wenn sie in die Welt hinaus ziehen, werden sie erfahren, wie wenig selbstverständlich es tatsächlich ist. Dann werden sie es zu schätzen lernen. Und wenn ich Glück habe, werden sie zurück kommen.
Immer wieder wunderbar ist die Kombination Kinder und Tiere. Es ist faszinierend, zu sehen, welche Rücksicht Tiere auf Kinder nehmen und wie die Kinder nach und nach lernen, mit ihnen umzugehen.

Gibt es soziales Engangement? Arbeiten bei Ihnen Menschen mit Besonderheiten?
Leider nein, weil ich keine bezahlen kann. Dabei gäbe es gerade in unserer „alten“ Art der Landwirtschaft viele Arbeiten, die wenig mathematisch-logische Intelligenz erfordern. Leider ist das die einzige Form der Intelligenz, auf die in unserer Gesellschaft Wert gelegt wird. Dabei gibt es viel wichtigere Fähigkeiten! Manche Menschen, die im Leben keinen Platz finden, weil sie aus dem modernen Raster fallen, haben z.B. ein ganz besonderes Händchen für Tiere und wären wertvolle Mitarbeiter auf einem Hof wie dem unseren.

Welchen Beitrag leisten Sie zur Inklusion von verschiedenen Menschen?
Mein Beitrag ist aus finanziellen Gründen nur ein persönlicher. Ich pflege mit jedem Menschen einen höflichen und respektvollen Umgang, weil ich weiß, dass jeder Mensch Fehler hat. Auch ich möchte mit meinen Fehlern und Schwächen angenommen sein. Diese Gefälligkeit schulde ich jedem Menschen, egal ob ich seine Fehler für kleiner oder größer halte als meine eigenen.